Ich bin Pazifist, weil ich an das Böse im Menschen glaube und an seine Möglichkeit, sich dumm machen zu lassen. Und ich bin Pazifist, weil ich Verantwortung übernehme:
für die Menschen, die jetzt leben und für die nachfolgenden Generationen.
"Dumm" ist aus meiner Sicht jemand, der tut, was ihm gesagt wird ohne darüber nachzudenken, ob es stimmen kann und ob es ihm gut tut.
Ein einfaches Beispiel wäre ein Mensch, der heftig mit dem Kopf gegen die Wand schlägt, weil ihm gesagt worden ist, dass damit seine Kopfschmerzen verschwinden würden.
Im Unterschied zu anderen pazifistisch orientierten Menschen vertraue ich nicht auf das Gute im Menschen, das ihm verbietet, andere Menschen zu beschädigen oder zu töten.
Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch in Situationen gebracht werden kann, in denen er bereit und fähig ist, zu foltern oder zu töten oder auch, sich selbst töten zu lassen.
Dieses Verständnis von Pazifismus versucht nicht, die Menschen zum Guten zu bewegen. Es versucht, Mittel und Wege zu finden, Situationen zu verhindern, in denen Menschen
Mörder werden können.
Es gibt einen Unterschied zwischen Aggression und Krieg. Menschen können aus einer Vielzahl von Gründen aggressiv werden und in der Folge Gewalt anwenden. Meistens sind dies spontan
entstandene Situationen. Kriege sind langfristig geplant. In Kriegen materialisieren sich lang andauernde Konflikte, die diplomatisch nicht gelöst worden sind.
Der Eintritt in einen Krieg hat mindestens drei miteinander verbundene Voraussetzungen, die man als Kriegstüchtigkeit bezeichnen kann.
Es bedarf zunächst einer Armee. Die Existenz einer Armee ist kein Naturgesetz. Es gibt eine Reihe von Staaten ohne stehendes Heer. Costa Rica, Panama und Island gehören dazu.
Da Kriege in der Regel länger dauern, bedarf es materieller und finanzieller Ressourcen, denn Kriege sind teuer. Da kaum ein Staat über die dazu nötigen Mittel verfügt, ist die
Kreditwürdigkeit des Staates entscheidend. Er bekommt Kredit, wenn die Aussichten auf einen langfristigen Gewinn höher sind als die Ausgaben für den Krieg.
Menschenleben bleiben dabei unberücksichtigt.
Schließlich bedarf der Krieg grundsätzlich der Zustimmung zumindest eines Teiles derer, die in den Krieg geschickt werden, die töten und bereit sind, sich töten zu lassen. Es ist
Aufgabe der Propaganda, diese Bereitschaft zu erzeugen. Die stärkste Waffe der Propaganda ist die Behauptung, dass Kriege zur Normalität des Menschseins gehören.
Alle drei Voraussetzungen zeigen, dass bis zu einem Kriegsbeginn genügend Zeit für Verhandlungen zur Verfügung steht.
Entgegen einer weltweiten Aufrüstung ist eine Welt ohne Krieg zum ersten Mal in der Geschichte der Zivilisation möglich. Dies hat eine materiell-technische, eine kommunikative und
eine mentale Voraussetzung.
Wir wissen heute, dass die Welt in der Menschen leben, in einem hohen Maße von ihnen selbst gestaltet worden ist. Es ist weder die äußere noch die innere Natur des Menschen, die unser
Leben bestimmt, sondern, das, was wir daraus machen. Eine Begründung für Kriege, nämlich der Hass auf andere, unterstellt, dass der Andere deshalb zu hassen ist, weil er von Natur
aus anders ist als wir. Wir wissen heute, dass Rassismus nichts mit Rassen zu tun hat, sondern mit Wahrnehmungs- und Denkmustern. Wir sind fähig, gewohnte Denkmuster zu verändern.
Wir wissen heute, dass weder Franzosen noch Russen unsere ewigen Feinde sind.
Wir verfügen durch Kommunikationsmittel über die Möglichkeit, direkt mit allen anderen Menschen auf der Erde zu kommunizieren und verfügen damit über die Voraussetzung, verstehen zu
können, worin ihre Interessen liegen und wie sie die Welt sehen. Wir können deshalb vernünftig mit ihnen umgehen.
Und wir verfügen über die finanziellen und technischen Mittel, Armut als Ursache für Kriege zu beenden. Für das Jahr 2025 werden die weltweiten Ausgaben für Militär auf 2,7 Billionen
Dollar geschätzt. Das ist mehr als das doppelte, das in diesem Jahr Bund, Länder und Gemeinden in Deutschland ausgeben. Und etwa ein Viertel aller Ausgaben der europäischen Länder.
Das bedeutet, dass Maschinen und Millionen von Menschen vorhanden sind, um weltweit nicht Kriegsgüter zu bauen, sondern Schulen, Straßen, Bewässerungsanlagen, Solaranlagen,
Windparks und Fabriken - um nur einiges zu nennen, das Verteilungskonflikte verkleinert.
Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage, warum weltweit aufgerüstet wird und ein Weltkrieg wahrscheinlicher geworden ist als früher. Es gibt eine historische Antwort. Danach geben
die jeweiligen Großmächte gewollt oder ungewollt das Wissen, das sie zum Alleinherrscher gemacht hat, an die von ihr unterdrückten Kulturen weiter. So lange, bis diese die Vorherrschaft
bedrohen. Diese Situation besteht heute. Es zeichnen sich Umrisse einer neuen Weltordnung ab. Bisher war historisch dieser Prozess durch Kriege bestimmt. Die Tatsache, dass wir diese
Situation als wiederkehrenden Zyklus beschreiben können, zeigt, dass wir fähig sind anders zu handeln als frühere Generationen.
Es geht darum, die eigenen Denk- und Wahrnehmungsmuster der veränderten Situation anzupassen. Historisch neu ist die durch technische Entwicklungen entstandene Globalisierung.
Das Risiko einer zu Katastrophen führenden Erwärmung des Klimas macht deutlich, dass wir in einer gemeinsam geteilten Welt leben. Ob Deutschland zur Klimaerwärmung beiträgt
oder zum Beispiel Pakistan ist ökologisch unbedeutend. Wenn das Risiko einer unkalkulierbaren Veränderung natürlicher Prozesse eingedämmt werden soll, so ist eine internationale
Kooperation dafür die Voraussetzung.
Die Globalisierung ist nicht mehr wegzudenken und sie ist eine Chance. Zur Zeit wird die faktische Gegebenheit zum Anlass genommen, die Konkurrenz zwischen Nationalstaaten mit
politischen, ökonomischen und militärischen Mitteln staatlich voranzutreiben. Dies zeigt nicht nur die amerikanische Politik, die auf die Zerstörung transnationaler Institutionen
angelegt ist - das ist auch der Kern europäischer Außenpolitik. Sie folgt, ebenso wie die anderen Mächte, wie Russland, China oder die U.S.A einer Politik, der an der Ausweitung der
eigenen Macht gelegen ist. Konkurrenz und nicht Kooperation ist das diesem Handeln zugrundeliegende Denkmodell.
Voraussetzung dieser Denkweise ist ökonomische und militärische Stärke. Sie kulminiert in der Behauptung, dass nur ein starkes Militär einen Krieg verhindern könne. Nun gab es
historisch noch nie eine Situation, in der die Herstellung von Kriegstüchtigkeit nicht zum Krieg führte, sondern zu diplomatisch ausgehandelten Verträgen und einer allseitigen
totalen Abrüstung.
Aufrüstung erhöht das Risiko eines Krieges, weil es die Ressourcen verschlingt, die zu einem konfliktfreien Leben der Menschen in den beteiligten Regionen beitragen könnten.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die jetzt lebende Generation die Wahl hat zwischen einer auf Kooperation oder Konkurrenz beruhenden Weltordnung.
Die Behauptung, dass Frieden auf Abschreckung beruht, vergisst die nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für ganze Gesellschaften totalen Folgen eines Krieges.
Pazifist zu sein bedeutet deshalb, Verantwortung zu übernehmen für den Fortbestand einer Welt, die nachfolgenden Generationen ein einigermaßen gutes Leben ermöglicht.
Und die Chancen zu nutzen, die noch keine Generation vor uns hatte.
Gerold Scholz ist Professor für Erziehungswissenschaft/Grundschulpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt/M. (i.R.). Arbeitsgebiete: Kindheitsforschung,
Theorie der Didaktik des Sachunterrichts.